Innere Stärke und Vergebung

Vergebung war für mich lange ein Begriff, der mit Angst verknüpft war –
mit der Angst, schuldig zu sein.
Nach meiner Suchterkrankung wurde Selbstvergebung ( u.a. weil ich soviel gegen mich selbst gekämpft habe) zu einem zentralen Bestandteil meines Alltags und zu einer Voraussetzung dafür,
wieder Halt in mir und im Familiensystem zu finden.

In dieser Zeit hatte sich meine Familie teilweise von mir abgewandt;
wir waren alle belastet und teils traumatisiert.
Meine Erkrankung war für mich selbst und meine Angehörigen schwer einzuordnen. Ich selbst arbeitete lange und viel an mir selbst,
konnte damals aber kaum Grenzen setzen –
weder mir, noch anderen.
Selbstliebe und Selbstfürsorge waren für mich nur Worthülsen, aber keine gelebte Erfahrung.
Meine Symptome lösten sich Schritt für Schritt in Therapie und entgültig nach einem Klinikaufenhalt –
in einer Suchtklinik, die sehr wertschätzend mit Ihren Klienten war.

Nach der Erkrankung ging es darum, meinen Platz in der Familie neu zu finden:
als gesunde Frau,
die Schritt für Schritt innere Stärke entwickelte und zunehmend unabhängiger und selbstbestimmter lebte.
Rückblickend erkenne ich auch, dass es in meiner Ursprungsfamilie verletzende Muster gab, die sich in in mir selbst und in Beziehungen fortsetzten,
die mir gespiegelt wurden. Achtsame, heilsame und ressourcenorientierte systemische Arbeit unterstützte mich dabei.

Meine Erkrankung (bei mir: Essstörung, Alkoholmissbrauch und emotionale Abhängigkeit) machte mir deutlich,
dass Veränderung notwendig ist, um gesund zu werden und zu bleiben.
Viele alte Verhaltensweisen verlangten nach Klarheit und Konsequenz:
Ich wollte mir wieder in die Augen schauen können,
Frieden in mir finden,
Selbstachtung entwickeln,
Grenzen setzen lernen und
körperlich wie seelisch stabil werden.

Manches im Umfeld reagierte auf mein verändertes Verhalten für mich zunächst unverständlich.
Ich begann, Reaktionen nicht mehr automatisch auf mich zu beziehen,
sondern als Teil eines gemeinsamen Lernprozesses zu betrachten – und zugleich bei mir zu bleiben: Verantwortung für mein eigenes Handeln zu übernehmen,
ohne Schuldzuweisungen.
Veränderung macht Angst;
und ich lernte zu verzeihen –
mir selbst, dass ich mich lange von alten Ängsten undVerhaltensmusteern klein halten ließ,
und auch dort, wo meine Erkrankung anderen Menschen Schmerz zugefügt hat.

Auf diesem Weg haben mich verschiedene Methoden unterstützt, die ich heute als hilfreiche Begleitung in meiner Vergebungsarbeit verstehe:
innere Kindarbeit, Jin Shin Jyutsu (Heilströmen), heilsames Malen, Körperarbeit, neurographisches Zeichnen, energetisches Zeichnen, Meditation u.m.
Sie helfen mir, innere Prozesse zu ordnen, Blockaden zu lösen und alte Muster schrittweise zu verändern – im eigenen Erleben und damit auch in der Dynamik des Familiensystems.

Für mich bedeutet Vergebung dabei auch, Belastendes abzugeben, das nicht zu meinem Wesen gehört und das ich übernommen habe (z. B. Schmerz, übernommene Verantwortung, transgenerationale Verletzungen).
Zugleich heißt es, Verantwortung für mein Verhalten zu mir zurückzuholen und zu transformieren – besonders auch dort, wo ich früher im Opfergefühl die Schuld im Außen gesucht habe. Ich war nicht in der Lage mich abzugrenzen und damit Grenzen zu setzen.

Ich erlebe das als einen Prozess, der mich spürbar mehr in meine Authentizität und Kraft bringt.
Vieles ist nicht mehr so, wie es einmal war;
das kann ungewohnt sein und Unsicherheit auslösen.
Dennoch ist Vertrauen gewachsen – zuerst mein Vertrauen in mich selbst und in das Leben,
auch in Menschen, weil ich klarer sehen kann und meiner Wahrnehmung vertraue.

Einige Kontakte haben sich gelöst, andere konnten sich neu entwickeln.
Für mich geht es darum, zu verstehen und loszulassen, ohne festzuhalten.
Mit Schmerz gehe ich heute anders um:
Im Vergeben und im Loslassen wandelt er sich, und Lebensfreude ist zurückgekehrt.
Schritt für Schritt bin ich wieder handlungsfähig – und mit meiner Veränderung verändert sich auch mein Blick auf die Welt um mich.

Ich bin dankbar, dass ich die Kraft der Vergebung nicht nur verstehe, sondern sie übe und sie
als Selbstheilungskraft tatsächlich erleben darf.
Im neurographischen Zeichnen habe ich eine besonders motivierende Form gefunden,
innere Bewegung zu unterstützen, wieder im Leben zu stehen und mit dem Leben zu fließen.

Der Neurolotus (siehe Abbildung) ist eines der neurographischen Modelle, das ich zum Thema Vergebung – auch in Verbindung mit Ho’oponopono – gerne mit Klientinnen und Teilnehmerinnen in Workshops zeichne.

P.S.: Der obige Text ist ein Ausschnitt meiner eigenen Erfahrungen. Ich möchte sie nicht mit den Erfahrungen anderer Menschen gleichsetzen, denn jede Person macht mit der eigenen Geschichte und Erkrankung individuelle Erfahrungen und durchlebt eigene Lernprozesse.
Aus meiner Sicht kann der Gesundungsprozess daher eine jeweils passende, individuelle Begleitung erfordern.

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