Ehemals suchterkrankt:

Der Weg aus der Abhängigkeit – meine Reise zu mir selbst

Es gibt Themen, über die noch immer viel zu oft geschwiegen wird: Sucht, emotionale Abhängigkeit und der oft lange, schmerzhafte Weg zurück zu sich selbst. Mit diesem Beitrag beginne ich, offen über meine Erfahrungen zu schreiben – ehrlich, achtsam und in dem Bewusstsein, wie viel innere Kraft in diesem Weg liegt.

Warum ich heute darüber schreibe

Immer wieder begegne ich Menschen, die Unterstützung anbieten und dabei Sätze sagen wie: „Hört auf, aus eurem Schmerz heraus zu arbeiten.“ Solche Worte berühren einen empfindlichen Punkt in mir. Denn sie lösen sofort den inneren Impuls aus, mich zu erklären – obwohl ich tief in mir weiß, dass mein Weg ein bewusster und gewachsener ist.

Gleichzeitig ist da ein stiller Anteil in mir, der sich leicht übersehen fühlt, der traurig wird und sich nach echter Anerkennung sehnt.

Menschen, die eine Suchterkrankung hinter sich haben, traut man oft nicht selbstverständlich zu, dass Heilung wirklich möglich ist. Den Satz „Das ist eine chronische Erkrankung“ habe ich oft gehört.
Und mit ihm bleibt häufig ein feiner Rest von Zweifel im Raum.

Vielleicht führt mich genau das zu einer noch wichtigeren Frage: Erkenne ich mich selbst wirklich an? Ist mir bewusst, was ich bereits geleistet habe? Dass ich gelernt habe, meinem inneren Kind das zu geben, was ihm früher gefehlt hat? Und dass ich heute die erwachsene Frau in mir sehen darf, die einen kraftvollen und mutigen Weg gegangen ist?

Was dieser Weg wirklich bedeutet

Und gleichzeitig ist da noch ein anderer Anteil in mir – der Teil, der bereits so viel aufgearbeitet hat, dass ich seit Jahren frei von Suchtmitteln bin und mich Schritt für Schritt aus emotionaler Abhängigkeit lösen konnte. Dieser Teil möchte nicht übersehen werden. Er möchte gesehen und gewürdigt werden für das, was er getragen und bewältigt hat.

Es war kein leichter Weg. Und doch habe ich auf dieser Reise viel über mich selbst gelernt. Ich habe Methoden und Wege kennengelernt, die mich getragen haben. Vor allem aber habe ich Fähigkeiten und innere Ressourcen in mir entdeckt, die lange verschüttet waren und durch meine Aufarbeitung langsam wieder Teil meines Lebens werden durften.

Es ist nicht selbstverständlich, eine Suchterkrankung hinter sich zu lassen – besonders als Frau und besonders dann, wenn Alkoholmissbrauch Teil der eigenen Geschichte war. Für solche Schritte gibt es selten Anerkennung. Keinen Blumenstrauß. Kein sichtbares Zeichen für das, was innerlich geleistet wurde.

Oft erlebe ich statt Anerkennung eher Zweifel, Ängste, Scham im Umfeld und alte Bilder, die sich hartnäckig halten. Dann werde ich in den Augen anderer schnell wieder auf frühere Anteile reduziert – auf die Frau mit der Essstörung oder auf die alkoholkranke Frau, der man mit Misstrauen begegnet. Vieles von dem, was ich in Therapie und Klinik erarbeitet habe, wird dadurch leise infrage gestellt.

Mein Weg war kein klassischer, geradliniger Weg – und vielleicht macht genau das ihn für manche Menschen schwer nachvollziehbar. Es war mein ureigener Prozess der Aufarbeitung, mein Weg zurück in die Verantwortung für mich selbst. Auch das gehört zur Realität von Sucht: Sie bleibt gesellschaftlich und familiär häufig ein Tabu. Nach außen soll alles funktionieren, alles soll stimmig wirken – und gerade diese Unwahrheiten nehme ich sehr deutlich wahr.

Als hochsensibler Mensch kostet mich das viel Kraft. Genau hier beginnt für mich die eigentliche Herausforderung: innere Stärke zu entwickeln und mich nicht länger mit alten, krankmachenden Mustern im System zu verbinden. Heute erkenne ich immer klarer, was ich früher betäubt habe.

Eine Therapeutin sagte mir vor meinem Klinikaufenthalt einmal: „Es ist nicht vorbei – jetzt fängt es erst an.“ Heute weiß ich, was sie damit meinte.

Warum ich das Schweigen breche

Heute bin ich stark genug, über das Familiengeheimnis und das gesellschaftliche Tabu von Sucht, Essstörung und Co-Abhängigkeit zu schreiben. Ich tue das nicht, um mich zu rechtfertigen oder Schuld zu verteilen, sondern weil ich die innere Stärke in mir gefunden habe, diesem Weg bewusst zu begegnen. Ich möchte sichtbar machen, dass Heilung möglich ist – und dass Suchterkrankungen oft sehr individuelle Wege der Aufarbeitung brauchen.

Ja, es braucht Mut, mich damit zu zeigen. Denn ich weiß, dass Abwertung, Vorurteile und das sprichwörtliche Zeigen mit dem Finger nicht einfach verschwinden. Und genau deshalb will ich darüber sprechen. Ich möchte dieses Schweigen durchbrechen.

In der nächsten Zeit werde ich mehr darüber erzählen, was ich erlebt habe – und vor allem darüber, was mir wirklich geholfen hat, gesund zu werden und gesund zu bleiben. Wenn mein Weg auch nur einem einzigen Menschen Mut machen kann, dann bekommt dieses lange Schweigen für mich einen tieferen Sinn.

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